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Kopfschmerzen: Aktuelle Strategien

Gegen Druck und Pochen im Kopf gibt es Medikamente. Doch auch Entspannung, Verhaltensänderungen und Sport helfen oft. Ein weiterer Ansatz ist die Neurostimulation
von Silke Droll, aktualisiert am 01.06.2017

Auch Entspannungsübungen können zuweilen die Kopfschmerzen bremsen

dpa Picture-Alliance/Frederic Cirou

Nach anstrengenden Arbeitstagen, bei grippalen Infekten, nach einer durchzechten Nacht – Kopfschmerzen plagen jeden irgendwann einmal. Mit einer Tablette verschwinden sie meist rasch. Doch was tun, wenn sie zum Alltag gehören? ­Jedes Mal eine Pille einwerfen – das geht nicht. Kritisch wird es ab etwa acht Kopfschmerztagen im Monat. "Dann sollte man zum Neurologen gehen", sagt Professor Andreas Straube, Oberarzt am Klinikum der Universität München.

Eine Diagnose, die häufig gestellt wird, ist Migräne. ­Etwa 13 Prozent der Frauen und 7 Prozent der Männer in Deutschland leiden darunter. Und einer Erhebung der Barmer-Krankenkasse zufolge treffen Kopfschmerz­­erkrankungen auch zunehmend junge Menschen.


Gefühl für den eigenen Körper wiederfinden

Immerhin wurde die Versorgung in den vergangenen ­20 Jahren deutlich verbessert. So gibt es mittlerweile an vielen Universitäts-Kliniken Spezialambulanzen mit ausgewiesenen Kopfschmerzexperten. 

Die Mediziner setzen dort heutzutage als Ergänzung zu Medikamenten stark auf weitere Therapieverfahren. Sie schulen schwer betroffene Patienten in Techniken wie der progressiven Muskelentspannung, suchen nach möglichen Verhaltensänderungen und klären umfangreich über denkbare Auslöser der Beschwerden auf. ­Damit lässt sich bei Migräne viel erreichen. So steht es auch in neuen Therapieempfehlungen, in die die Ergebnisse von 118 Studien einflossen.

Migräneattacken können beispielsweise durch Stress ausgelöst werden. Deswegen ist es sinnvoll, in Gesprächen herauszufinden, welche Situationen für den Patienten belastend sind – damit er dann lernen kann, besser damit umzugehen. "Viele haben gar kein Gefühl dafür, was ihnen nicht guttut", erläutert Dr. Heike Israel-Willner von der Charité Berlin.

Der Chef löst die Attacken aus

Das bestätigt der auf Kopfschmerz spezialisierte Psychologe Professor Peter Kropp von der Uni Rostock: "Eine meiner Patientinnen litt unter Grenzüberschreitungen ihres Chefs, nahm das aber nicht als Stressmoment wahr." Erst im Gespräch ­seien der Frau ihre Gefühle und deren Einfluss auf ihre Migräne bewusst geworden.


Eine weitere Möglichkeit, die Reaktionen des eigenen Körpers besser zu verstehen, ist Biofeedback. Dabei werden ­auf einem Bildschirm etwa Herzfrequenz und Muskelanspannung angezeigt. Die Patienten lernen, diese Reaktionen willentlich zu verändern. Vielen helfe es beispielsweise, mehr Pausen zu machen, auf einen regelmäßigen Tagesablauf und genügend Schlaf zu achten, so Kropp. 

Ausdauersport und Stressmanagement als Therapie

Weniger gut durch Studien belegt ist der Effekt von moderatem Ausdauersport. Experten sind jedoch von der Wirksamkeit überzeugt. Eine Anleitung zum Training gehört häufig zu den Schulungs­angeboten der Kopfschmerzambulanzen. "Anfangs haben die Patienten keine Lust auf Bewegung, aber dann setzen sie diese Therapieempfehlung konsequent um", berichtet Straube.

Der Münchner Universitäts-Klinik gelingt es mit ihrem Programm, zu dem neben Sport auch Stressmanagement, Entspannung und Gespräche mit einer Psychologin gehören, den Kopfschmerz deutlich zu lindern. Laut Befragungen verringerten sich die Symptome nach einem Jahr um die Hälfte.


Strom an, Attacke aus?

Eine schöne Vision zur zukünftigen Behandlung von Kopfschmerzen sieht so aus: Statt Pillen – mit all ihren Nebenwirkungen – zu schlucken, halten sich Kopfschmerz­patienten künftig ein Gerät an den Hals. Dieses stimuliert mit leichten Stromimpulsen den Vagusnerv und soll auf diese Weise Zahl und Schwere der Attacken verringern. "Durch die Stimulation wird die Schmerzaktivierung im Gehirn gehemmt", erklärt Professor Andreas Straube. Der Neurologe leitet das Kopfschmerzzentrum der Universitäts-Klinik München.

Viele Cluster- und Migränepatienten, die das Verfahren testen, sind begeistert. Bei anderen Betroffenen aber tritt keine Besserung ein. Warum? Das wissen die Forscher noch nicht. Straube, der selbst an mehreren Studien zur Neurostimulation beteiligt ist und auch von Geräteherstellern finan­ziell unterstützt wird, meint: "Natürlich spielt der Placebo­effekt eine Rolle."

Die bisherige Forschung belegt vor allem die erfolgreiche Reduzierung von Cluster­Attacken. Die Daten einer Studie mehrerer Institute mit 300 Teilnehmern zur Therapie von chronischer Migräne, werden derzeit erst ausgewertet. Neurostimulation liegt im Trend, einige weitere Geräte werden erprobt.


Neurostimulator, so klein wie ein MP3-Player

Mauritius/BSIP/Amelie Benoist

Stöpsel und Stirnreif

Zum Beispiel eines, das an einen MP3-Player erinnert. Der Patient steckt sich dabei täglich über mehrere Stunden eine Art Stöpsel ins Ohr. "In einer sehr kleinen Studie zur Vorbeugung von chronischer Migräne zeigte es sich genauso wirksam wie Botulinum­toxin-Injektionen – das aktuell wirksamste Mittel in der Prophylaxe der chronischen Migräne", berichtet Straube.

Viele Migränepatienten nut­zen auch eine Art Stirnreif, der ihren Trigeminusnerv im Gesicht reizt. In Großbritannien wird außerdem ein Gerät zur transkraniellen Magnetstimulation eingesetzt, das man sich zu Beginn einer Attacke an den Hinterkopf hält.




Bildnachweis: Mauritius/BSIP/Amelie Benoist, dpa Picture-Alliance/Frederic Cirou

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